Degenerative Myelopathie
Die Krankheit und wie sie unseren Hund, den Alltag und uns verändert

Das diagnostische Verfahren bei Blue

Wann genau die degenerative Myelopathie bei Blue ausgebrochen ist, können wir gar nicht sagen. Laut seiner Patientenakte waren wir Mitte Februar 2015 beim Tierarzt, da er "seit einiger Zeit schlecht läuft, wechselnd, vor allem hinten rechts". Blue war laut seiner Akte auch schon mal hinten weggeknickt. Das bedeutet, dass wir sicher im Januar/Februar 2015 die ersten Ausfälle beobachtet hatten, ohne es zu wissen. Blue hatte allerdings Zeit seines Lebens bei uns (er ist mit anderthalb Jahren zu uns gekommen) phasenweise ein schlechtes Gangbild, so dass wir deswegen immer wieder beim Tierarzt gewesen sind. Allgemeine tierärztliche Untersuchungen blieben immer ohne Befund.

Mitte Februar 2015 wurde eine Röntgenaufnahme der Hüftgelenke und der hinteren Wirbelsäule gemacht. Aufgrund der Aufnahmen konnte Hüftdysplasie (HD) ausgeschlossen werden. Die Aufnahme der Wirbelsäule ergab zwar, dass Blue acht statt der üblichen sieben Lendenwirbel hat, was allerdings keine weiteren Folgen nach sich zieht: Weder waren auf den MRT-Aufnahmen so verengte Bereiche zu erkennen, dass Druck auf die Nervenbahnen erfolgen müsste, noch haben wir tatsächliche Schmerzpunkte entdecken können. Auch im Alltag fanden sich keine Hinweise auf Schmerzen.

8. April 2015 - Blue hoppelt

Ende Februar 2015 wurde eine Schmerztherapie mit Entzündungshemmern begonnen. Als erstes Medikament wurde Blue NSAID (Rimadyl) verordnet, einen nicht-steroidalen Entzündungshemmer. Blue schlugen die Schmerzmittel wie schon in der Vergangenheit auch dieses Mal wieder nicht nur sprichwörtlich auf den Magen. Er verweigerte immer häufiger sein Futter und fraß weniger. Eine deutlich sichtbare positive Änderung im Gangbild war nicht erkennbar, lediglich die üblichen besseren und und auch wieder schlechteren Phasen.

Am 28. März 2015 geschah eine einschneidende Veränderung: Als ich am Abend mit Blue zur Nachtschicht gegangen bin und er zu Dienstbeginn in die Hundebox unseres Streifenwagens springen wollte (MB Vito), gelang ihm das nicht, obwohl er es noch ein zweites Mal versuchte. Seine Hinterbeine versagten ihm den Dienst. Ich half ihm hinein und brachte ihn sofort nach Hause.           

Aufgrund dieses Vorfalls waren wir am Montag, 30. März, beim Tierarzt. Wir wechselten die Wirkstoffe. Blue erhielt nun Carprofen- und Phen-Pred-Präparate. Zur Unterstützung der Gelenke erhielt er ab Ende März zusätzlich noch Flexivet, ein Ergänzungsfuttermittel. In der Zeit nach dieser beobachteten Ausfallerscheinung ist Blue während unserer Spaziergänge ab und zu hinten weggeknickt, aber so "selten" und so undramatisch, dass man es unter normalen Umständen einfach als Missgeschick eingeordnet hätte. Mitte April fand wiederum ein Wechsel des Wirkstoffs statt, Blue erhielt nun Cimalgex. Allerdings hatte auch dieses Präparat Auswirkungen auf seinen Verdauungsapparat, Blue verlor mehr und mehr den Appetit. Sogar das Verstecken der Tabletten in äußerst leckeren Lebensmitteln half nichts mehr. Nur wenige Tage später erfolgte deshalb ein letzter Wechsel des Wirkstoffs, Blue musste nun Metamizol (Novalgin) zu sich nehmen. Angesichts der bisher erfolglos verlaufenen Schmerztherapie und seiner zunehmenden Nahrungsverweigerung brachen wir jedoch auf eigene Verantwortung die Verabreichung der schmerzlindernden und entzündungshemmenden Medikamenten ab. Blue begann zu unserer Erleichterung schon kurze Zeit später wieder normal zu fressen.

Am Wochenende vor dem 20. April 2015 ist Blue zuhause mehrfach am Tag im Haus hinten weggeknickt. Er schaute jedes Mal völlig überrascht, als ob er prüfen wollte, wer ihm da ein Bein gestellt hat. Diese Vorfälle klingen undramatisch, uns erfüllten sie jedoch mit großer Sorge. Am Sonntag rief ich unsere Tierärztin an, sie organisierte sogleich einen Notfall-Termin in einer Hamburger Klinik für den Montag-Morgen (ganz lieben Dank, Barbara!!). So saß ich nun an diesem Montag frühmorgens mit Blue in der Hamburger Tierklinik und rief im Diensthundewesen an, um zu berichten.

 

 

 

 

 

18. April 2015 - Blue lahmt hinten rechts

Bei der folgenden allgemeinen und neurologischen Untersuchung wurden unauffällige bis abgeschliffene Krallen an den Hintergliedmaßen, eine geduckte Haltung in der Hinterhand, eine geringgradige Krümmung der Wirbelsäule und eine geringgradige Störung der Bewegungskoordination und Haltungsinnervation (Ataxie) festgestellt. Beim Hemiwalking-Test wurde hinten rechts eine hochgradige, hinten links eine gering- bis mittelgradige Verzögerung diagnostiziert. Alle weiteren neurologischen Befunde liste ich nicht auf, da es sehr speziell wird. Wen aber die Befunde hinsichtlich Pannikulusreflex, Propriozeption, Patellasehnenreflexe, Tibialis cranialis Reflex und Flexorreflex interessiert, kann uns gerne anschreiben. Da bereits Röntgenaufnahmen vorlagen, wurden auf neue Aufnahmen verzichtet und MRT-Aufnahmen gemacht – mit dem Ergebnis, dass keine Kompression von Myelon und Cauda equina festgestellt werden kann. "Die kernspintomographisch darstellbaren Veränderungen sind hinsichtlich ihrer Ausprägung nicht geeignet, die neurologischen Ausfälle des Patienten zu erklären."

Folgende weitere Untersuchungen werden empfohlen: Blutbild hinsichtlich des Chemie-Profils, Anaplasmose (Infektionskrankheit) und Borelliose. Auch eine Sonographie der Aortenaufzweigung und ein MRT der Lenenwirbel in Richtung Kopf seien in der weiteren Diagnostik in Erwägung zu ziehen.

Meine Frau hat die noch sich in der Schwebe befindliche Diagnostik keine Ruhe gelassen und deshalb viel im Internet recherchiert. Und sie hat mir vertraut: Nachdem ich viele Jahre mit Blue zusammen gewesen bin und mehr Zeit mit ihm als mit irgendjemand sonst verbracht habe, war ich mir absolut sicher, dass Blue keine Schmerzen spürt, auch nicht in dem Moment, wenn er mit den Hinterbeinen wegknickt. Mit dieser Information kristallisierte sich bei ihren Recherchen heraus, dass Blue womöglich an der degenerativen Myelopathie leidet. Die zwischenzeitlich eingetroffenen Blutwerte waren unauffällig hinsichtlich klinischer Chemie, Borelliose und Neospora. Nach einem Gespräch mit unserer Tierärztin bestellten wir eine Untersuchung bezüglich der generativen Myelopathie bei Laboklin nach. Das Ergebnis hielten wir am 05. Mai 2015 in den Händen: Blue ist reinerbig (homozygot) für die Mutation im Exon 2 des SOD1-Gens, die als Hochrisikofaktor für die Entwicklung der degenerativen Myelopathie angesehen wird. Die Ausprägung einer klinischen Symptomatik sei wahrscheinlich.

An dieser Stelle stoppten wir in Absprache mit unserer Tierärztin und der Hamburger Tierklinik das weitere diagnostische Verfahren; die Erkrankung hatte endlich einen Namen bekommen.